Karma Hautnah - oder: Die merkwürdigen Pfade der Liebe
Über die Arbeit mit Familienaufstellungen nach Hellinger
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von Corinna Grund, Darmstadt - www.corinna-grund.com
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Vor ein paar Wochen kam eine junge Frau zur Beratung. Sie machte einen
bedrückten Eindruck und saß ganz zusammengesunken auf ihrem
Stuhl. Auf die Frage, was sie zu mir führt, berichtete sie, sie wüsste
nicht mehr ein noch aus. Ihr Freund, den sie sehr liebe, bezichtige sie
immer häufiger des Betrugs und seine ganz unbegründete Eifersucht
belaste die Beziehung schwer. Da das Paar bereits einige Wochen zuvor
wegen desselben Problems zu einem gemeinsamen Gespräch gekommen war,
wobei sich auch der Mann sehr betroffen zeigte ('Ich erkenne mich selbst
nicht wieder!'-), schlug ich vor, eine Aufstellung zu dem Thema zu machen.
Die beiden willigten ein.
In einer Aufstellung wird das innere Bild der eigenen Herkunfts- oder
Gegenwartsfamilie mit Hilfe von Stellvertretern in einer Gruppe dargestellt,
so dass familiäre Verstrickungen oder unbewusste Bindungen an schweres
Schicksal, Krankheit oder unglückliche Muster sichtbar werden. Die
Familienkonstellation wird auf respektvolle Weise neu geordnet oder ergänzt
und als Lösungsbild am Ende der Aufstellung wieder zurückgenommen,
also rückverinnerlicht, und kann so im Lauf der Zeit ihre Tiefenwirkung
im Leben des Aufstellenden entfalten. Familiäre Verstrickungen gehen
oft über mehrere Generationen und bewegen sich auf einer archaischen
Ebene der Psyche, die der Analyse oder dem rationalen Denken entzogen
ist. Durch eine Aufstellung erfährt man etwas über sich, was
sonst nur schwer zugänglich ist, denn im 'wissenden Feld' der Gruppe
wird jeder Stellvertreter zum Medium für das kollektive Unbewusste.
Dies ist schwer in Worte zu fassen, man kann das nur selbst erleben, wie
die Stellvertreter oft sehr genaue Auskunft geben können über
die tatsächlichen Familienbeziehungen, ohne jemals nähere Informationen
über das betreffende Familiensystem erhalten zu haben. Sobald sie
an ihren Platz gestellt sind und sich ohne besondere Erwartungen einfühlen,
erspüren sie die Lage derer, für die sie stehen, auch die Gefühle
der Betreffenden und häufig sogar körperliche Einschränkungen
und Gebrechen. Mit Hilfe der Stellvertreter ist es dann oft möglich,
im zeitlosen Raum der Familienseele auch im Nachhinein etwas wieder in
Ordnung zu bringen, zum Beispiel einen Ausgeschlossenen wieder zu integrieren,
einem bislang Ungewürdigten die Ehre zu erweisen und ihn anzusehen,
einem Vergessenen einen guten Platz im Herzen zu geben, ein Opfer anzuerkennen
und zu würdigen, einem Täter die Verantwortung für seine
Tat zu überlassen.
Familiäre Verstrickungen gehen oft über mehrere Generationen
und bewegen sich auf einer archaischen Ebene der Psyche, die der Analyse
oder dem rationalen Denken entzogen ist.
Die Aufstellung des jungen Paares, die wir mit Hilfe der Stellvertreter
durchführten, ergab nun folgende Situation: Der junge Mann machte
der Frau einen Vorwurf - das entsprach ganz der aktuellen Lage. Ich nahm
die Mutter der Frau hinzu. Die Mutter sagte, dass sie sich schäme.
Dann nahm ich den Vater der Frau dazu. Darauf fing die Stellvertreterin
der Frau spontan an zu weinen. Ich fragte nun die Aufstellende, was vorgefallen
sei. Sie sagte, ebenfalls unter Tränen, dass ihre Mutter ihren Vater
betrogen habe und es niemandem erzählt habe außer ihr, der
Tocher.
Das ist zunächst eine schlimme Situation für die junge Frau.
Verrät sie das Geheimnis, so ist sie der Mutter untreu. Behält
sie es für sich, ist sie dem Vater gegenüber unehrlich. Die
Mutter hat sich entlastet, indem sie die Bürde des Schweigens an
die Tochter weitergegeben hat. Der Vater, dem die eigentlichen Vorwürfe
zugeschrieben werden könnten, hielt sich zurück. In der Aufstellung
kam zum Vorschein, dass er im Grunde von dem anderen Partner seiner Frau
wusste und das Ganze gar kein Geheimnis mehr war. Doch die Tochter trug
schwer an ihrer Last und ließ sich - stellvertretend vom eigenen
Freund - die entsprechenden Untreuevorwürfe machen.
'Liebe Mama, ich liebe Dich und den Papa gleichermaßen. Ich
bin nur Deine Tochter, Eure Ehegeheimnisse gehen mich nichts an.'
Die Lösung war nun in Sicht. Ich nahm die junge Frau selbst in die
Aufstellung hinein und ließ sie der Stellvertreterin ihrer Mutter
sagen: 'Liebe Mama, ich liebe Dich und den Papa gleichermaßen. Ich
bin nur Deine Tochter, Eure Ehegeheimnisse gehen mich nichts an. Ich gebe
dir das Geheimnis jetzt wieder zurück'. Das war ein bewegender Moment
für die Aufstellende und sie weinte dabei. Auch dem Vater sagte sie,
dass sie die Mutter und ihn gleich viel liebe. Dann stellte sie sich neben
ihren Freund, der nun auch selbst in der Aufstellung stand. Er legte seinen
Arm um ihre Schultern. Die beiden lächelten sich an. Das ganze Bild
sprach für sich.
Im Jargon der Systemischen Familientherapie handelte es sich hier um
eine doppelte Verschiebung. Die Tochter vertritt die Mutter und nimmt
deren Last auf sich - und zwar aus Liebe, denn sie weint, als sie erkennt,
dass sie das gar nicht tragen kann für die Mutter. Der Freund der
Tochter spürt, dass sie etwas verbirgt; er kann sich dem Sog nicht
entziehen und übernimmt die zurückgehaltenen Vorwürfe des
Vaters. Durch die Aufstellung wird die Lösung des Konflikts jenen
Personen zugemutet, die für das Entstehen desselben verantwortlich
sind, den Eltern. Sie haben nun die Chance, verantwortlich zu handeln.
Es war für mich als Therapeutin und auch persönlich eine große
Bereicherung, von Bert Hellinger lernen zu dürfen und bei ihm etwas
ausgesprochen zu finden, was ich zwar intuitiv erahnt hatte, aber nicht
in der Lage war praktisch zu nutzen, nämlich, dass die so gerne zitierte
Blockade, die einen Menschen davon abhält, sein Leben voll zu genießen
oder zu gesunden, nicht nur einen Sinn hat im Leben des Betroffenen,sondern
sogar höchsten Respekt verdient.
Das Leid wird tief in der Seele als Unschuld erfahren und das Weiterleben
angesichts des Todes eines geliebten Menschen als Schuld.
Es ist eine Bewegung der Seele und häufig nichts anderes als ein
Ausdruck ganz tiefer Liebe - in der Regel zu einem nahen Angehörigen
oder einem anderen geliebten Menschen -, die ohne Absicht das krankmachende
Muster hervorbringt.
Dazu möchte ich ein Beispiel nennen. Wenn in der Geschwisterreihe
(oder bei den Geschwistern der Eltern) eines früh gestorben ist,
dann möchte manchmal ein anderes Geschwister nachfolgen in den Tod.
Es hat vermehrt Unfälle oder macht sich das Leben ganz schwer, z.
B. durch eine ernste Krankheit, eine Sucht, durch beruflichen Misserfolg
oder mit unglücklichen Partnerschaften. So ist der/die Betreffende
dem gestorbenen Geschwister nahe - im Leid. Das Leid wird tief in der
Seele als Unschuld erfahren und das Weiterleben angesichts des Todes eines
geliebten Menschen als Schuld. Dies kommt häufig vor, besonders wenn
das früh verstorbene Geschwister keinen guten Platz hat in der Erinnerung
der Familie, etwa weil der Verlust sehr schmerzhaft war für die Eltern.
Am schwersten betroffen ist oft die jüngste Generation, also die
Kinder einer Familie; sie sind bereit, in den Tod zu gehen an Stelle des
Vaters oder der Mutter, sie geben ihren Platz in der Familie bereitwillig
auf für ausgeschlossene Familienmitglieder oder für solche,
die Platz gemacht haben für andere, und die gibt es oft - es können
frühere, nicht gewürdigte Partner von Vater oder Mutter sein,
nicht mitgerechnete Geschwister oder Halbgeschwister oder das 'schwarze
Schaf' der Familie, das zu keinem Fest eingeladen ist. Die später
Geborenen übernehmen ohne es zu wissen uneingestandene Schuldgefühle
oder nicht ausgedrückte Trauer der Eltern oder Großeltern,
sogar dann, wenn ihnen nie von den fehlenden Personen erzählt wurde.
In der kollektiven Erinnerung geht nichts und niemand verloren. Es ist
der Ort in uns, den wir alle kennen ohne ihn zu kennen. Manchmal erhalten
wir einen kurzen Einblick in ihn und das ist dann ein Moment großer
Gnade.
Aus den Aufstellungen geht auf ganz direkt erfahrbare Weise hervor, dass
im lebendigen Gefüge einer Familie jedes Mitglied das gleiche Recht
auf Zugehörigkeit besitzt. Falls dieses innere Gleichgewicht von
Zugehörigkeit verletzt wird, so kann es passieren, dass ein anderes
Familienmitglied, oft ein später Geborener, einen Ausgleich zu schaffen
versucht - im Guten oder im Unguten.
Ein Ausgleich im Guten sieht zum Beispiel so aus: Eine Frau kommt zur
Aufstellung. Sie hat erfahren, dass die Schwester ihrer Mutter behindert
war und in ein Heim gegeben wurde. Die Frau und ihr Mann haben selbst
ein Mädchen adoptiert, das behindert ist - sie sagte, sie hatte immer
das Gefühl, 'als ob jemand fehlt.' Sie hat also die Liebe und Fürsorge,
die ihre behinderte Tante durch die Familie nicht erhalten hat, einem
anderen hilfsbedürftigen Menschen weitergegeben. Das Lösungsbild
der Aufstellung gab außerdem der einst weggegebenen Tante ihren
Platz im Kreis der Familie und so erhielt auch das adoptierte Mädchen
einen größeren Freiraum, denn es musste nicht mehr die fehlende
Person ersetzen.
In der kollektiven Erinnerung geht nichts und niemand verloren. Es
ist der Ort in uns, den wir alle kennen ohne ihn zu kennen.
Ein Ausgleich im Unguten zeigt sich im nächsten Beispiel, das ein
leider ganz alltägliches Drama widerspiegelt. Eine Mutter bat mich
um Hilfe für ihre magersüchtige achtzehnjährige Tochter,
die wieder so stark abgenommen hatte, dass ein stationärer Klinikaufenthalt
unabwendbar schien. Sie stellte die Familie mit Hilfe der Stellvertreter
auf, d.h. den Ehemann, die Tochter und sich selbst. Die Tochter konnte
kaum stehen und gab an, dass sie traurig und wütend auf die Mutter
sei. Der Ehemann sagte: 'Sie ist nicht meine Tochter.' Ich fragte die
Klientin, ob sie sich dazu äußern wolle. Sie antwortete, dass
sie vor der jetzigen Ehe schwanger wurde von einem Mann, in den sie zwar
heftig, aber nur flüchtig verliebt gewesen sei. Sie habe keinen Kontakt
mehr zu ihm. Ich nahm also den leiblichen Vater der magersüchtigen
Tochter hinzu. Er sagte, er sei traurig und sauer. Die Tochter wollte
sich sofort zu ihm stellen, sie strahlte ihn an. Es war deutlich zu spüren,
dass die Tochter die Emotionen des nicht gewürdigten ersten Manns
der Mutter übernommen hatte und sich dadurch in geheimer Solidarität
mit ihm wusste. Ich nahm nun die Mutter anstelle ihrer Stellvertreterin
in die Aufstellung und bat sie, den ersten Mann anzusehen und ihm zu sagen:
'Ich habe Dich noch nicht richtig gewürdigt. Du bist der Vater unsrer
Tochter und das bleibst Du auch - für immer!' und außerdem
zur Tochter: 'Als ich schwanger wurde mit Dir, habe ich Deinen Vater sehr
geliebt.' Welch eine Intensität in diesen von Angesicht zu Angesicht
gesprochenen Sätzen der Beteiligten liegt, kann hier nicht annähernd
beschrieben werden. Das Lösungsbild war, dass der leibliche Vater
Anerkennung und Zugehörigkeitsrecht zurückerhielt, indem er
seine Tochter unbehindert sehen darf. Das könnte die Tochter von
ihrer inneren Verpflichtung befreien, genauso wenig zu nehmen - 'zu sich
zu nehmen' - wie er.
Ein Ausgleich kann über mehrere Generationen gehen, die Familienseele
bewegt sich langsam. Der Ausgleich soll immer dem Ganzen dienen und die
verletzte Zusammengehörigkeit wiederherstellen, auch wenn es für
denjenigen, der das übernimmt, mitunter katastrophale Folgen nach
sich zieht. Das Medium des Ausgleichs ist die Liebe, seine Grundlage die
Bindung per Geburt oder Partnerschaft oder durch nicht verantwortete Schuld.
Man könnte das auch als das karmische Gesetz in der Familie bezeichnen,
aber es ist in der Praxis sicherlich hilfreicher, diese Kräfte so
entmystifiziert und bodenständig wie möglich zu betrachten,
besser noch direkt zu erfahren anhand ihrer Wirkung im Kraftfeld der jeweiligen
und individuellen Aufstellung. Dort wird ohne jegliche theoretische Ableitung
deutlich, in welchem Maße die Nachgeborenen in etwas hineingestellt
sind, das zu erfüllen ihre tief eingeborene Liebe ihnen unbewusst
aufträgt und das außerhalb ihres persönlichen Entscheidungsspielraums
liegt.
Das Medium des Ausgleichs ist die Liebe, seine Grundlage die Bindung
per Geburt oder Partnerschaft oder durch nicht verantwortete Schuld.
Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Rolle des Gewissens, die
Bert Hellinger schon vor Jahren beschrieben hat. Es fungiert gleichsam
als innerer Kompass, der jedem Systemmitglied ermöglicht, aber auch
auferlegt, zu erfahren, wie weit es sich fortbewegen darf von den Regeln
und Tabus der Familie, ohne sein Recht auf Zugehörigkeit zu verspielen.
Ein 'gutes Gewissen' ist demnach kein Wert an sich, auch kein 'schlechtes
Gewissen'. Beide sind abhängig von den jeweiligen Geboten und Verboten
des Familiensystems. Das erfahre ich manchmal ganz anschaulich in meinen
Seminaren, wenn ein schwer belasteter Mensch, der zur Aufstellung kommt,
sich plötzlich 'als Verräter' fühlt und sich dieses Gefühl
nicht erklären kann. Er hat ein 'schlechtes Gewissen'. Es stellt
sich ein wie ein Automatismus, wenn der Aufstellende beispielsweise das
Schweigen um ein Familiengeheimnis bricht, das er auch unter größten
Selbstopfern bislang gewahrt und mitgetragen hatte. Um aus dem Gruppengewissen
herauszutreten und gleichzeitig die eigene Herkunft zu achten, ist also
ein bewußter Kraftakt von großem Mut (zum schlechten Gewissen)
und auch eine erweiterte Sicht, ein Akzeptieren größerer Zusammenhänge,
nötig. Ist das Verlangen nach 'Unschuld' aber größer,
so verhindert es die Heilung. In beiden Fällen liegt es dann in der
Würde des Betroffenen, entweder den einen oder den anderen Weg einzuschlagen,
auch den Weg des Leids oder der Krankheit. Er erscheint manchmal sogar
leichter, da man sich - aus alter Gewohnheit - leidend in größerem
Einklang mit dem Familiengewissen empfindet.
Die magische Kinderliebe, oft eine blinde Liebe, welche sich über
Tod und Leben hinwegsetzen will, wird vom betroffenen Erwachsenen, in
dem sie fortbesteht, als sehr leidvoll erlebt und es mag sein, dass er
ohnmächtig sein unverständlich schweres Schicksal beklagt. In
seiner Seele jedoch stimmt er zu - aus eben dieser Liebe. Die Aufstellung
gibt nun der verborgenen, blinden Liebe ein sichtbares Ziel und macht
sie dadurch sehend: Die Liebe darf erwachsen werden und sich weiten. Und
die geliebte Person, etwa das vergessene Geschwister, bekommt ihren Platz
- und eine Stimme. So sagte vor kurzem die Stellvertreterin einer bei
der Geburt gestorbenen Zwillingsschwester zum jetzt dreiunddreißigjährigen
und stark depressiven Zwillingsbruder: 'Es macht mich sehr traurig, Dich
so leiden zu sehen. Bitte nimm Du wenigstens das Leben! Ich werde für
immer Dein Schutzengel sein.' Alle Beteiligten in der Aufstellung nickten
zustimmend oder atmeten auf und es war sofort spürbar, dass etwas
lange Überfälliges stattgefunden hat und vielleicht ... ja,
vielleicht das Wunder der Heilung seinen Anfang findet.
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