W.S.: Als Du letztes Mal in Frankfurt warst, haben wir zusammen
ein Paar gesehen. Wir hat-ten im Anschluß daran einen sehr fruchtbaren
Dialog über Paare und ihre Therapien. Viel-leicht gelingt uns dies
wieder.
K.L.: Siehst Du grundsätzlich einen Unterschied zwischen
Paartherapie - Familientherapie - Einzeltherapie oder Systemtherapie?
W.S.: Paartherapien, an denen ich als Therapeut beteiligt bin, sind immer
Systemtherapien. Zur Familientherapie, die wir allerdings auch als Systemtherapie
begreifen, könnte es durch das zu lösende Problem eine Differenzierung
geben.
Familien laden wir ein, d. h. wir bitten sie bei der Sitzung dabei zu
sein, um durch die anwe-senden Mitglieder Hilfe bei der Lösung eines
bestimmten Problems zu bekommen. Über-spitzt gesagt, wir sprechen
nur mit Familien, um den Erfolg der Behandlung der Betroffenen zu optimieren.
In der Paartherapie kann es ebenfalls sinnvoll sein, den symptomfreien
Partner als Hilfe in der Behandlung der Betroffenen einzuladen. Paartherapie
kann aber auch ausdrücklich die Beziehung dieses Paares fokussieren
und deren Veränderung anstreben ...
K.L.: ... aber verändern sich im Zuge einer erfolgreichen Behandlung
z.B. einer Anorxia ner-vosa die familiären Beziehung?
W.S.: Es ist möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, dass eine
solche Familie am Ende ihrer Therapie dies bestätigen würde.
Ihre Motivation aber in Therapie zu kommen, war ein sog. Krankheitsbild.
Paare kommen, mindestens teilweise, mit dem ausdrücklichen Auftrag,
ihnen bei der Lösung eines Beziehungsproblems zu helfen.
K.L.: Vorausgesetzt, es käme ein Paar und dieses Paar würde
sein Anliegen oder den Auf-trag definieren, daß das Ziel eine Verbesserung
der Paarbeziehung sei. Was könnte das optional heißen?
W.S.: Der größte Teil der Paare, die wir gesehen haben, ich
will nicht für die Zukunft spre-chen, kommt an einen Punkt, an dem
ihre eigenen Konfliktlösungsstrategien versagen und sie nicht mehr
entscheidungsfähig sind, sondern in ihrer Entwicklung stagnieren
oder, wie WATZLAWICK es ausdrückt, die Lösungsversuche sind
zum Problem geworden. Wobei dies nicht eine äußere Instanz
feststellt, sondern sie erleben selbst Teile ihrer Beziehung als problematisch,
Du würdest sagen, sie bilden ein Problemsystem.
K.L.: Was versprechen Sie sich von Therapie?
W.S.: Eine Entscheidung.
K.L.: Sind die Paare dazu bereit, zu akzeptieren, daß man ihnen
relativ schnell vorschlägt, eine Entscheidung zu treffen?
W.S.: Ja, ich habe damit wenig Probleme. Ich pflege ihnen zu sagen, daß
sie quasi wie im Auto fahren und im Moment darüber streiten, ob sie
nach links, nach rechts oder geradeaus fahren sollen. Ich mache ihnen
den Vorschlag, ein Stück ihr Auto zu fahren, aber ob wir nach rechts
oder links abbiegen, ist ihre Entscheidung.
K.L.: Es gibt sicher Situationen, bei der z.B. der eine sagt: "Ich
will nach links" und der ande-re sagt: "Ich will nach rechts".
W.S.: Ja, Paare bei denen der eine die Hoffnung hat, Therapie könnte
ein Neuanfang sein, während der andere Teil hofft, daß der
andere mit Hilfe von Therapie die beschlossene Trennung leichter verkraften
wird.
K.L.: Wenn aber der eine mit einer getroffenen Entscheidung kommt und
der andere diese Entscheidung noch nicht akzeptiert hat, was bewegt dann
denjenigen, der die Entscheidung schon getroffen hat, in Therapie zu gehen?
W.S.: Die Entscheidung sich zu trennen, bedeutet in einigen Fällen,
dass jemand, der einmal sehr wichtig war, mit dem man vielleicht Kinder
hat, zurückgelassen wird, daß einem, für den man einmal
große Zuneigung empfand, Schmerzen zugefügt werden. Die Vorstellung,
The-rapie könnte den Schmerz der Trennung begrenzen oder mildern,
liegt hier oft zugrunde.
K.L.: Diese Phantasievorstellung wäre demnach, eine Entscheidung
mit möglichst wenig kaputtem Geschirr zu verwirklichen. Ich könnte
mir vorstellen, daß dies eine komplizierte Situation ist. In wessen
Auftrag hast Du dann wohingehend zu arbeiten?
W.S.: Finde ich diese, zugegeben schwierige Konstellation vor, sind wir
nur dann zur Thera-pie bereit, wenn ein gemeinsames Ziel definiert wird.
Es hat sich als sehr hilfreich erwiesen, daß wir zwischen Erstgespräch
und Therapie unterscheiden. Therapie ist hierbei als Erstge-spräch
plus mindestens eine Sitzung definiert.
Ist im Erstgespräch die Definition eines gemeinsamen Therapieziels
durch das Paar nicht erreichbar, geben wir ihnen dies als Aufgabe mit
und vereinbaren ein zweites Erstgespräch. Wir sagen ihnen dann, daß
die Erfüllung dieser Aufgabe eine Bedingung für die Weiterfüh-rung
der Therapie sei.
K.L.: In der ersten Sitzung werden also, falls es nötig ist, Hilfen
gegeben, damit sich das Paar über sein gemeinsames Therapieziel einigt.
W.S.: Dieses Ziel kann mit Hilfe zur Verbesserung der Beziehung sein,
es kann auch Hilfe zur Trennung sein. Beides ist ein möglicher Neuanfang.
K.L.: Woher beziehst Du aber die innere Sicherheit, daß die Ziele,
die sie unter diesen Um-ständen formulieren, die Ziele sind, die
diese Menschen tatsächlich anstreben?
W.S.: Auf einer pragmatischen Ebene hat nur das, was ich innerhalb des
kommunikativen Aktes wahrnehme, Gültigkeit. Ich frage meine Klienten
sehr genau nach ihrem Therapieziel, ihr Therapieziel ist dann das Ziel
der Therapie.
Früher habe ich mit Konstruktionen des eigentlichen oder wahren,
quasi geheimen Thera-piemotivs operiert. Diese Überlegungen haben
mir theoretisch als auch praktisch viele Prob-leme bereitet.
K.L.: Hast Du eine Idee, was
Ehetherapie von Eheberatung unterscheidet?
W.S.: Beratung ist für mich eine spezifische Form erzieherischen
Einflusses, dabei interve-niere ich in Richtung auf ein mehr oder weniger
von mir ausgewiesenes Ziel. Im Falle von Therapie wird dieses Ziel durch
meinen Partner, d.h. durch die Klienten definiert. Im übrigen ziehe
ich es vor, von Paartherapie zu sprechen. Ehe ist nur eine mögliche
Form der Partner-schaft. Der Begriff Ehe ist ein soziologischer oder staatspolitischer
Begriff, er gibt wenig Aus-kunft über Beziehungen.
K.L.: Erfordert ein Paarproblem, also ein Problem des Umgangs miteinander,
von Therapeu-ten andere Aktivitäten als in jenen Fällen, in
denen das Problem körperlich oder verhaltens-bezogen definiert ist?
Siehst Du die Aufgabe beider Therapeuten als deckungsgleich an?
W.S.: Wenn ein Paar zu mir kommt, unterscheide ich, ob es sich um ein
Paarproblem oder die Behandlung eines Symptoms handelt. Es gibt also gewissermaßen
zwei Formen der Paartherapie: einmal geht es um die Behandlung eines Symptoms
und einmal um die Part-nerschaft an sich.
K.L.: Sicher gibt es auch Kombinationen.
W.S.: Nicht alle Paare kommen mit der expliziten Frage: "Hilf uns,
uns zu trennen oder hilf uns, zusammen zu leben." Es kommen viele
Paare mit einem klar definierten Symptom, al-lerdings auch kombiniert
mit Fragen ihrer Partnerschaft.
K.L.: Erfolgt dann aus der Differenzierung der Fragstellung auch eine
Differenzierung der Handlungsweise?
W.S.: Sie erfolgt, meiner Erfahrung nach, aus der Dynamik des Paares.
Die meisten Paare, die ein Symptom anbieten, haben eine starr komplementäre
Beziehung, z. B. die Suchthelfe-rin und der Süchtige. Die anderen
zeigen meistens eine hoch symmetrische Beziehung. Dies mag bezüglich
der Behandlung Unterschiede im Detail verlangen, jedoch finde ich es wichti-ger,
auf das Gemeinsame, mich auf die Einhaltung einer Metaposition, zu verweisen.
Dar-über hinaus ist es von elementarer Bedeutung, daß sie in
der Sitzung oder in ihrem Erleben als Folge der Sitzung etwas anderes
als das erfahren, was sie ohnehin kennen, was sie zu-hause am Küchentisch
erfahren.
K.L.: Sie sind wohl an einem Punkt, an dem sie unter der Art am Küchentisch
miteinander umzugehen leiden.
Es kann sein, daß, wenn sie einen Dritten im Bund haben, sie sich
die Möglichkeit verspre-chen, anders miteinander umzugehen. Beinhaltet
aber dies nicht die Gefahr, daß der Thera-peut zu einem Dauerstabilisator
eines Tisches mit nur zwei Beinen wird?
W.S.: Ich teile diese Bedenken generell, denke jedoch, daß dies
eher für die Langzeitthera-pien zutrifft. Für die von uns praktizierte
Vorgehensweise sehe ich diese Gefahr nicht. Die Vorstellung von STEVE
DESHAZER, daß die Patienten ihre Probleme tatsächlich lösen
wollen, war für die Entwicklung unserer eigenen Arbeitsweise sehr
hilfreich.
K.L.: Hast Du Vorgehensweisen, die Du bevorzugst?
W.S.: Ich erzähle gerne Geschichten, ich spreche gerne in Bildern
und bin damit häufig eher provokativ.
K.L.: Warum nennst Du das provokativ und nicht konstruktiv?
W.S.: Ich glaube, daß manchmal ein Beobachter mein Vorgehen für
provokativ halten könn-te. Für mich ist es konstruktiv. Wenn
ich nicht das Gefühl hätte, daß es konstruktiv wäre,
würde ich es sofort bleiben lassen.
K.L.: Für Paare gibt es vielfältigste Möglichkeiten in
der Paarbildung und der Paarerhaltung. Ich kann mir denken, daß
es in dieser Bandbreite von Möglichkeiten keine Form der Paarer-haltung
gibt, die an sich gut ist. Wo siehst Du die Kriterien der Bewertung innerhalb
der Be-ziehung?
W.S.: Ein Paar, das sich kennenlernt, bildet Formen der Freude, der Befriedigung,
des Glücks, usw., die es lohnend machen, in diesem Kontext, also
in dieser Beziehung zu verbleiben ...
K.L.: ... wohl vorausgesetzt, es sind keine normativen Bedingungen ...
W.S.: Einverstanden, aber ich möchte die normativen Bedingungen jetzt
mal ausklammern. Im Laufe der Entwicklung dieser Paarbeziehung kommt es
zu Entwicklungen, in denen das Erleben des Glücks sehr viel weniger
wird. Wenn ein gewisses Maß an Verlust von Glück überschritten
wird, versuchen sie automatisch, damit den alten Zustand wieder herzustellen.
Es kommt dann zu mehr oder weniger großen Schwankungen, wenn die
von Betroffenen als wichtig angesehenen Determinanten sich ändern.
K.L.: Die Krise, der Konflikt oder das Problem also als eine Form der
Bewältigung von Ver-änderung? Könnte es auch das Gegenteil
geben? Könnte es auch die Situation geben, daß eine Ehe derart
wenig Veränderungen erfährt, daß dies zum Problem wird?
W.S.: Du hast es nur von der anderen Seite aufgerollt. Ich begreife eine
Mann-Frau-Beziehung als etwas, das einer permanenten Veränderung
unterworfen ist. Ich will Dir ein Beispiel geben. Wir alle wissen aus
entsprechenden Studien, daß die Häufigkeit sexueller Betätigung
sich im Laufe einer Partnerschaft verringert. Stellen wir uns einmal vor,
ein Paar operiert mit der Erwartung der Nichtveränderung der sexuellen
Frequenz. Die Zeit höchster Verliebtheit und höchster sexueller
Aktivität soll genau konserviert werden. Da steuern sie unweigerlich
auf einen Konflikt zu.
K.L.: Und obwohl beide sich sexuell betätigen, dadurch daß
dies ihren Erwartungen nicht entspricht, würden sie sich gegenseitig
Vorwürfe machen?
W.S.: Es geht meines Erachtens immer wieder darum, daß Paarbeziehungen
sich an be-stimmte kontextuelle Veränderungen, oder aber Veränderungen,
die in einem Individuum passieren, anpassen. Insofern ist Deine Frage,
was passiert, eine klassische Möglichkeit für die Entstehung
schwerer Konflikte.
K.L.: Könnte es sein, daß einfach die Tatsache, daß zwei
Menschen beschließen, miteinan-der zu leben, ein Vertrag ist, der
die Möglichkeit von Konflikten implizit enthält?
W.S.: Jede Paarbeziehung setzt Konsensbildung und damit Ein- und Ausschlüsse
voraus. Sie impliziert immer Konfliktpotentiale.
K.L.: Könnte man also sagen, daß bei einer Schaffung eines
sozialen Systems, z. B. einer Paarbildung, sowohl Möglichkeiten der
Erfüllung individueller Wünsche als auch die Notwen-digkeit
der Beschränkung von Möglichkeiten entsteht?
W.S.: Genau das meine ich.
K.L.: Könntest Du Dir vorstellen, daß Du die Art von Ehetherapie
betreiben könntest, die Du betreibst, wenn Du nicht verheiratet wärest,
wenn Du nicht in einer Partnerschaft leben wür-dest?
W.S.: Meine Ideen und Vorstellungen zu Paartherapie haben sich wesentlich
aus dem Kon-takt mit Paaren, mit denen ich als Therapeut zu tun hatte
und aus theoretischen Reflexionen entwickelt. Sie haben sich, so meine
ich, wenig aus dem entwickelt, wie ich mit meiner Frau lebe. Die Antwort
ist allerdings so wie die vorausgegangene Frage sehr hypothetisch.
frage deshalb, weil ich in Therapien mit Familien und Kindern oft feststelle,
daß ich immer am allerbesten über Dinge reden kann, und zwar
am glaubwürdigsten, wenn diese Familien ungefähr in dem Stand
sind, den ich in meinem Leben mit meinen Kindern erlebnismäßig
kenne.
W.S.: Hinsichtlich des therapeutischen Kontakts mit Familien kann ich
über ähnliche Erfah-rungen berichten. Bei Paaren habe ich keine
Vergleichsmöglichkeiten. Ich habe eine Menge therapeutischer Erfahrungen
gemacht, bevor ich Vater wurde, ich war aber vor meinem ers-ten Interview
bereits verheiratet, daher kann ich nichts dazu sagen, ob ich mit einem
Paar-problem anders umgehen würde, wenn ich nicht in Partnerschaft
leben würde.
K.L.: Nun vielleicht noch eine letzte Frage: Es gibt namenhafte Therapeuten,
die sich wei-gern, Ehe- oder Paartherapie zu betreiben, weil sie dies
für eine Tätigkeit halten, die mit the-rapeutischer Arbeit nichts
zu tun hat. Sie behaupten, es ginge dabei um Leiden im Sinne von "krankheitswerten"
Ausfällen.
W.S.: Ich teile nicht die Ansicht, daß Paartherapie nichts mit therapeutischer
Tätigkeit zu tun hat. Die Paare, die ich wegen ihrer Paarbeziehung
sehe, sehe ich zu einem Zeitpunkt, in dem die Betroffenen leiden. Um mich
auf SELVINI zu beziehen, sie hat einmal in einem Inter-view gesagt: "Unsere
Aufgabe ist es, Leiden zu verkürzen", und ich habe genug Paare
gese-hen, die nach Möglichkeiten, nach neuen Lösungen suchten
und sie erst mal nicht gesehen und nicht gefunden haben. Sie waren, soweit
ich das als Mensch überhaupt wahrnehmen kann, in einer Zeit großen
menschlichen Leidens, das sie kaum ertrugen. Häufig wurden sie krank,
vernachlässigten ihre beruflichen Dinge, brachten ihre Existenz in
Gefahr usw. das ist wohl Leiden?
K.L.: Wohl schon!
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