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(Aus: Peter Nemetschek: “Neugierig aufs Großwerden“, Carl-Auer-Verlag;
gekürzte Fassung) das
Buch
Hier wird der Verlauf von 2 familientherapeutischen Sitzungen beschrieben
nach dem Lebensflussmodell von Peter Nemtschek
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Die erste Sitzung
Erwachsenen sind nur groß gewordene Kinder und ich neige dazu, auch mit
Erwachsenen wie mit großen Kindern zu arbeiten. Denn kleine und große
Kinder sind bestens geübt im Spiel so zu tun, als ob sie schon in der
Zukunft wären.
Bei der Familientherapie stelle ich heute
die ganze Familie bereits beim ersten Kontakt in die Zukunft: „Tun wir
so, als ob die Lebenskrise bereits gemeistert ist!“
Dazu stelle ich ein relativ einfaches
räumliches, sinnlich fassbares Szenario her, das gleichermaßen Kinder,
Jugendliche und Eltern fasziniert.
Da Kinder in Bewegung und mit allen Sinnen,
mit Sehen, Schauen, Berühren, Fühlen, mit Horchen und im inneren Dialog
viel leichter lernen, begreifen, wachsen, ist es sinnvoll, in Aktion zu
arbeiten.
Überdies ist es nicht leicht, ihre Aufmerksamkeit,
ihre Mitarbeit mit verbalen Mitteln längere Zeit zu fesseln. Deshalb benutze
ich den ganzen Raum meiner Praxis sozusagen als ganzheitliche Lebensbühne.
Die vergangenen hilfreichen Erfahrungen sind genauso anwesend wie die
jetzige Lebenskrise, die es zu meistern gilt, und der Raum, wo sich Zukunft
mit ihren Möglichkeiten entfalten kann.
Menschliche Systeme setzen sich leichter
in Bewegung, wenn sie ein klares Ziel vor Augen haben.
Nachdem sich die Familie im Praxisraum
umgesehen hat: Schaut euch um, in diesem Raum haben schon viele Familien
ihren Weg gefunden! Da seid ihr hereingekommen, da ist noch eine Türe,
die Fenster, der Boden, die Decke, die Pflanzen dort. Die Tiere und Puppen,
die hier am Boden sitzen und Seile in verschiedenen Farben. Die Kamera
läuft und nimmt auf, wie ihr an der Bewältigung eurer Krise und an eurer
Zukunft arbeitet. Ihr könnt später sagen, wenn ihr etwas gelöscht haben
wollt.
Und ihr könnt euch etwas Zeit nehmen,
euch zu sammeln: Wir werden heute vor allem dieser wichtigen Frage nachgehen:
Wie, in welcher Richtung habt ihr euch bewegt, wenn ihr das letzte Mal
zu dieser Tür rausgeht mit diesem Gefühl: “Wir haben es geschafft, diese
Lebenskrise liegt hinter uns?“.
Wie wird das dann sein? Und ich meine
nicht die irrealen Wünsche, sondern wie und wo seid ihr dann, mit euren
Fähigkeiten und Möglichkeiten, die ihr mitgebracht habt? Das wird die
wichtigste Frage sein, die uns heute interessiert.
Sollten die Kinder unruhig werden oder
sehnsüchtig nach den Puppen und Stofftieren schielen:
Eure Eltern können euch erlauben zu spielen.
Ihr könntet z.B. spielen, wie wird’s sein, wenn ihr das, weswegen ihr
hergekommen seid, hinter euch habt: Geschafft!
Wir werden bald was tun, wozu ich
dringend eure Mitarbeit brauche, so tun, als ob ihr schon etwas größer
seid, ca. so viel, dabei zeige
ich die Spanne mit den Fingern.
Nach 15-20 Minuten oder spätestens, wenn die Kinder zeigen, es ist Zeit
etwas zu tun, stehe ich auf. Im übrigen gehe ich immer davon aus, dass
Kinder im Spiel, in ihrem Tun etwas Sinnvolles mitteilen und nehme es
einfach als „offensichtlich“ wahr. Was ich nicht mache, ist, dies zu „deuten“
oder Verhalten der Kinder als „Störung“ zu empfinden.
Können wir gleich reinspringen? Wenn
da hinten im Raum Vergangenheit ist und da vorne, Richtung Fenster, Richtung
Licht, Pflanzen Zukunft und etwa in der Mitte das Jetzt. Nehmen wir also
an, hier im Raum ist eine Zeitachse: dort Vergangenheit- da wart ihr Kinder
noch nicht auf der Welt- und da Zukunft, da seid ihr schon groß!
Ich nehme einige Seile in die Hand: Und
wenn das Lebenslinien sind, Lebensfäden, Wege, Lebensflüsse , was ist
dann deine Farbe?
Merke: In dem Moment, wenn eine Person nach einem Seil greift, es wählt,
wird dieses seil zum eigenen Leben! Es verzaubert sich sozusagen in eine
Projektionsfläche, in der das eigene Leben, konkret, ganzheitlich am Boden
liegt – und in den anderen Seilen das Leben der anderen Familienmitglieder.
Es löst also einen konstruktiven, halluzinatorischen Zustand aus. Man
muss etwas behutsam die Seile am Boden entwickeln.
Wenn hier Papa geboren wurde…hier wurde er größer und
größer… und hier wurde Mama geboren… und hier haben sie sich kennen gelernt,
soll ich ein Herz hinstellen? Welches? Und hier geht’s in die Zukunft.
Ich lege das mitten durch den Stuhlkreis. Hier seid ihr jetzt, und diese
Kurve soll die Lebenskrise sein, weswegen ihr hergekommen seid. Und hier
lang geht’s in die Zukunft. Passt das so? Oder wollt ihr was verändern?
….
Oft verschieben Eltern die Seile minimal
und dann ist es ihr Leben.
Und jetzt wird’s spannend: irgendwann
hat’s schmusi-pusi, noch mal „zing“ gemacht, du wurdest gezeugt, bist
entstanden. Mama, wo soll das sein? O.k. für Papa? …
Ich lege das Seil, welches das Kind für sich gewählt
hat: beginnend an dem Punkt, den die Eltern angeben, vielleicht auch ein
Symbol, das das Kind wählt. Am Anfang warst du zwischen Mama und Papa
und sicher eng bei Mama, und heute? Bist du mehr auf Mamas oder Papas
Seite? Und in ferner Zukunft, eines Tages wirst du groß sein und deine
eigenen Wege gehen! So etwa parallel zu deinen Eltern. Vorher, da etwa,
machst du einen Mopedführerschein….
Bis hierher können die Eltern gewöhnlich
noch auf ihren Stühlen sitzen. Jetzt hole ich sie in die Zukunft. Könnt
ihr hierher kommen, euch ungefähr hierher stellen? Ich markiere diesen
Punkt mit einer spiegelnden Kugel oder Halbkugel oder einer Papierscheibe.
Hier, wo die Kurve wieder nach vorne schwenkt. Stellt euch vor, ihr
seid schon hier an diesem Punkt und schaut in Richtung Zukunft, die Kinder
vor euch! Wenn ihr euch leichter tut, könnt ihr auch die Augen zu machen,
euch vorm inneren Auge sehen, an dem Punkt in der Zukunft, wo ihr sagt:
„Wir haben es geschafft!“ Wir brauchen keine familientherapeutische Begleitung
mehr!
Sollten hier irrationale Wünsche auftauchen
wie z.b.: Es soll wieder so werden wie in der jungverliebten Zeit oder,
ein Klassiker bei magersüchtigem Verhalten: wie vor der Pubertät, lache
ich: Da muss ich euch enttäuschen, ich bin keine Fee, kein Zauberer und
möchte dem lieben Gott keine Konkurrenz machen! Ich bin zuständig, euch
beim Möglichen zu begleiten, nicht aber beim Unmöglichen, bei der Suche
nach der blauen Blume Romantik muss ich passen!
Übrigens, je früher Lacher ausgelöst werden, möglichst schon am Telefon,
desto besser!
Denn die Leute kommen mit der Vorstellung:
Ernste Probleme sind erst zu lösen, durch ernsthaftes Grübeln und nächtelanges
diskutieren und in der Therapie wird über Probleme geredet, jahrelang!
Und die Familie hat sich in dieser Richtung ernsthaft und gründlich vorbereitet
und einen Sack voller Probleme und Klagen mitgebracht.
Es genügt, wenn in der ersten Sitzung
eine vage Ahnung von einer konstruktiven Zukunft entsteht. Es ist hilfreich,
durch positive Formulierungen der Familie eine Perspektive zu geben wie
„das trockene Bett“, Hoffnung zu nähren und zu fragen: Was wird fruchtbares
aus dieser Energie entstehen, die bisher in jene Richtung geflossen ist?
Wichtig ist, die Familie überhaupt aus ihrer Problemsicht hinauszuwerfen
und eine Zukunfts- Lösungs- Orientierung als Richtung einzuführen…
Achte darauf: Die Familie ist leicht
irritiert, weil die schweren Probleme links liegen gelassen werden, und
so bieten die Mitglieder als nächstes an: Fettnäpfchen satt und wunderbar
rosarote Sahnetörtchen. Wünsche aus einem lichtblauen Himmelreich: er
soll doch seine Hausaufgaben freiwillig, sofort und mit immerwährender
Konzentration, sorgfältig, am Stück, zu Papier bringen, ohne verträumt
aus dem Fenster zu gucken, Rock oder Rap zu hören oder mit dem Gameboy
zu piepsen.
Oder die schon etwas gallig-säuerlichen
Wünsche werden vorgetragen: Partner, Partnerin solle doch wieder so charmant,
zugewandt und liebreizend werden wie in der Zeit des höchsten Hormonflushs
und der größten Verliebtheit.
Es kostet Kraft, Konzentration, Geschick
und Humor, diese Fettnäpfchen rechts liegen zu lassen und auf dem Boden
des möglichen zu bleiben:… das zu nutzen, was ihr draufhabt und ein realistisches,
machbares, angemessenes Ziel visualisieren, im Kann- Bereich.
Ich verlasse den Raum gegen Ende der
Sitzung um meine Eindrücke zu sammeln:
Ich möchte am Schluss zusammenfassen, was mein Herz bewegt hat, wie ihr
da vorne in der Zukunft gestanden habt, und Mamas Augen funkeln, und Papa
hat dieses stolze Schmunzeln: „Das kriegen wir hin“, und du Kind, bist
im wahrsten Sinne des Wortes 2 cm gewachsen, das hat mich sehr berührt…
in diesem Sinne bis nächstens weiter so! Berichtet mir von kleinen Augenblicken,
wo euer Herz heimlich ein klitzekleines bisschen Hoffnung schöpft, wo
die Stimmung für kurze Zeit in diese Richtung schwenkt.
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Die zweite Sitzung:
Heute wollen wir uns die Zukunft genauer
ansehen. Hier ist das Jetzt, hier der Punkt geschafft, wo ihr schon das
letzte Mal gestanden habt. Und hier noch weiter in der Zukunft ist der
Punkt, da habt ihr schon die Mühen vergessen, diese Lebenskrise zu bewältigen.
Welche Kugel soll ich als Symbol hinlegen?
Dann bist du Kind schon größer, vielleicht
groß. Alle Familienmitglieder stehen mit Blick Richtung Zukunft, Kind
vor den Eltern und ich bitte das Kind sich auf einen Hocker zu stellen:
„Wenn ich groß bin.“
Spätestens hier kommt automatisch ein
positiver Stimmungsumschwung, stolzes Lächeln. Entspannt und doch voller
Spannkraft, wird das Leben wieder Abenteuer und Herausforderung. Was hinter
ihnen liegt scheint klein, was vor ihnen liegt wird groß. Jeder kann das
Glänzen in den Augen sehen, die tiefen Atemzüge der Erleichterung hören.
Ja, so sieht eine lebendige Richtung aus, so fühlt sie sich handfest an.
Und welche Powersätze tauchen im inneren Dialog auf? Das sind meist verblüffend
einfache Sätze aus der Kindheit wie: „Das packen wir schon!“ Das ist der
Stoff, aus dem eine handfeste Zielrichtung entsteht, das sind Zeichen:
die Lösung ist greifbar unterwegs.
Wir legen nochmals gemeinsam den Lebensfluss.
Ich betone diesmal, wie viele hilfreiche Erfahrungen hier in der reichen
Lebenslandschaft bereit liegen.
Ich lege für jeden ein Blatt Papier an
den Lebensanfang und bitte die Familienmitglieder sich auf ihr Blatt zu
stellen und die Augen zu schließen.. Ich erinnere sie dann an elementare
Erfahrungen, daran, wie sie in frühester Kindheit mit viel Energie, Ausdauer,
Neugier und Spaß bedeutende Lebenskrisen erfolgreich gemeistert haben.
Lasst euch überraschen, welche Szene
auftaucht, die heute hilfreich für die Überwindung dieser Lebenskrise
sein kann, eben wie laufen lernen, vielleicht ein lang vergessenes Erlebnis:
Kritzelt diese Szene auf ein Blatt und zeigt sie euch gegenseitig, und
erzählt, was ihr da erlebt habt…
Die Familie wird aufgefordert, ihre Blätter
jetzt mitzunehmen und sich einen kleinen Schritt in Richtung Zukunft auf
diese Blätter zu stellen und darauf zu achten, ob sich die Kraft auch
hier einstellt.
Die Anweisung am Ende der Sitzung: „Bis nächstes Mal. Achtet still darauf,
wie die Kräfte in euren Herzen heute noch wirken und euch helfen können,
einen Schritt weiter zu kommen.“ |